Die Gründungszeit

Bipis 'Scouting for Boys' weckte Interesse deutscher Jugendlicher. Die Bearbeitung durch Dr. Alexander Lion 1909 und ein Wanderlager englischer Pfadfinder führten zur Gründung vieler Pfadfindergruppen.
In dieser Phase der geschichtlichen Entwicklung wird das Pfadfindertum in Deutschland als Hilfe für die militärische Ertüchtigung missverstanden. Der Modellcharakter im sozialen und ethischen Bereich wird kaum beachtet oder durch nationalistisches Gedankengut eingeengt.
Im Gegensatz zur englischen Pfadfinderbewegung war die deutsche weniger durchorganisiert und unterschied sich von dieser durch andere Formen und Gebräuche.

 

Das Pfadfinderbuch von Dr. Alexander Lion

Nachdem der Stabsarzt Dr. Alexander Lion 1908 zum ersten Mal einen Artikel über Scouting in der Times gelesen hatte, nahm er briefliche Verbindung mit BiPi auf und lernte ihn bald darauf persönlich kennen. Unter Mitarbeit von Maximilian Bayer, Dr.Ludwig Kenner und Heinrich Steinmetz machte sich Lion an die Übersetzung des Buches "Scouting for Boys" welches 1909 unter dem Titel "Das Pfadfinderbuch" herauskam. Lion führte damit auch den Namen Pfadfinder ein. Die tatsächliche Übersetzung von Boy Scout lautet Späherjunge oder Knabenkundschafter. In seinem Vorwort wird die Wortwahl wie folgt begründet: "Das Suchen und Finden des rechten Lebenspfades, das soll die Bedeutung des Wortes Pfadfinder sein". Das Pfadfinderbuch von Lion behielt den abenteuerlichen und jungenhaften Stil bei, aber - wie die Mehrheit der Gesellschaft - legte er Wert auf eine vormilitärische Ausbildung. Dies war eindeutig eine deutsche Auslegung des Scoutismus. Die Pfadfinder standen daraufhin der Armee sehr nahe, die den Pfadfindern durch Hilfeleistungen unter die Arme griff. BiPi dagegen hatte sich mehrmals gegen militärische Ausbildung und Drill ausgesprochen. Bereits 1914 erschien die 5. Auflage des Buches. Hierbei wurden die militärischen "Wehrkraft" - Tendenzen von Auflage zu Auflage immer deutlicher. Dies war umso bedeutender, da fast allen Gruppen das Buch als Richtschnur diente. (Eine 1911 erschienene Übersetzung von Dr. Karl Hellwig, die sich genau an die englische Vorlage hielt fand praktisch keine Beachtung

 

Die Bildung erster Pfadfindergruppen

Mit dem Erscheinen des Pfadfinderbuches wurden in einigen süddeutschen Städten, wie in München (1. Münchner Pfadfinderzug) und Bamberg die ersten Gruppen gegründet. 1910 entsteht in Hamburg unter Dr. Karl Hellwig der "Deutsche Späherbund". Die Gruppe war aber nicht sehr zahlreich und blieb unbedeutend.

 

Der Deutsche Pfadfinderbund

Am 18.01.1911 wurde der Deutsche Pfadfinderbund (DPB) mit Sitz in Berlin gegründet. Es war eine "behördlich geförderte Einrichtung zur Erziehung brauchbarer und national - bewusster Staatsbürger in Zusammenarbeit mit dem Jungdeutschlandbund". Erster Reichs - Feldmeister war Maximilian Bayer. Die Gesellschaft machte aus der Pfadfinderbewegung Jugendpflege, so dass der DPB nichts mit der Jugendbewegung und dem Wandervogel zu tun hatte. Bis zum Ende des Krieges war der DPB die führende Kraft des deutschen Pfadfindertums.
Bei Kriegsausbruch soll der Bund rund 2000 Feldmeister und 90.000 Mitglieder gezählt haben. Während des Krieges erhöhte sich diese Zahl noch. Der BDP hatte als Abzeichen nicht die internationale Scoutlilie, sondern die Kommandoflagge der Armeeoberkommandos übernommen. Das nationale Element im Pfadfindertum wurde auf eine rein militärische Ausbildung zum Schutz des Vaterlandes reduziert.

 

Der Bayrische Wehrkraftverein

Am 12.03.1910 wurde in Bayern mit Unterstützung des Prinzregenten Luitpold der Bayrische Wehrkraftverein (BWV)gegründet. Die schon existierenden Münchner Pfadfinderzüge schlossen sich dem BWV an und brachten pfadfinderische Elemente in den Verein, so dass schon bald das Pfadfindertum die Grundlage der Arbeit war. Der BWV stach weit mehr vom Militär ab, als andere Gruppen, obwohl auch hier viele Generäle die Verantwortung übernahmen. Dies lag aber an der Verbundenheit zwischen Militär, Jugendpflege und Königshaus, die schon immer sehr eng gewesen ist. Der BWV zählte bis Ausbruch des Krieges ca. 10 000 Mitglieder. Auch hier wuchs die Zahl während des Krieges noch an. Mit dem BDP einigte man sich auf einen Kooperationsvertrag und auf einen formalen Beitritt zum Jungdeutschlandbund (Dachorganisation der nationalen Jugendbünde).

 

Christliche Pfadfinder

Ab 1910 bemühten sich evangelische Organisationen um den Aufbau konfessioneller Gruppen. Erstmals traten 1911 in Stuttgart die Pfadfinderkorps in die Öffentlichkeit. Ebenfalls 1911 wurde die weite Verbreitung der Pfadfinder innerhalb der Nationalvereinigung der evangelischen Jünglingsbünde festgestellt. Einige Pfadfinderzüge beantragten eine Doppelmitgliedschaft beim DPB. Was das national gesinnte und militärische Gedankengut betraf, so unterschieden sich die christlichen Pfadfinder in keiner Weise von all den anderen Gruppen im Land. Anfang 1914 gab es rund 10.000 christliche Pfadfinder in Deutschland.

 

Die Auswirkungen des 1. Weltkrieges

Insgesamt verhielten sich die Pfadfinder nicht anders als der weitaus größte Teil der Bevölkerung und folgten begeistert dem Ruf zu den Waffen. Es gab Abteilungen, die vorwiegend aus Pfadfindern bzw. Wandervögeln bestanden. Die Fanatisierung der jungen Generation für nationale Ziele hatte ihren Höhepunkt erreicht. Sie wurden in den verschiedensten Bereichen wie z.B. beim Roten Kreuz, bei der Nachrichtenübermittlung,... eingesetzt.
Die Gruppenstunden ("Übungen") wurden immer offener zur militärischen Wehrübungen. Ihren Idealismus bezahlten die Pfadfinder ebenso wie auch der Wandervogel mit einem hohen Blutzoll. Ein Teil der aktivsten Führer, wie z.B. Reichsfeldmeister Maximilian Bayer, fielen an der Front.
Diese Ausfälle zwangen den BDP und den Wandervogel dazu, auf ein von Baden - Powell vorgesehenes Element der Pfadfinderarbeit zurückzugreifen: "Jugend wird durch Jugend geführt, der Sippenführer arbeitet weitgehend selbstständig.
Angesichts dieser neuen Gegebenheiten begann sich die Grenze zwischen Jugendpflege und Jugendbewegung bedeutsam zu verwischen".

 

Literatur

  • Hinkel, Paul-Thomas. Die Pfadfinderverbände in der Bundesrepublik Deutschland. Hg. Klaus Hinkel. Baunach: Deutscher Spurbuchverlag, 1990
  • DPB-Mosaik. Wege finden - Wege gehen. Führungshandbuch des DPB-M, Hg. Deutscher Pfadfinderbund Mosaik. Köln: 1989
  • Seidelmann, Karl. Pfadfinder in der deutschen Jugendgeschichte. Teil 1, Hannover: Hermann Schroedel Verlag KG, 1977
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