Deutsche Pfadfinder im Dritten Reich

Heute wird das Pfadfindertum und die bündische Jugend oft fälschlicherweise als Vorläufer der HJ verschrien, obwohl die damalige Jugendbewegung auch von den Pfadfindern lebte. Der Autonomieanspruch der Jugendbewegung, ganz praktisch gemeint und gelebt als Anspruch auf eigene Gestaltung der jugendlichen Gruppe, war nicht vereinbar mit dem Sozialisationssystem des faschistischen Staates. Nur ein kleiner Teil der Gruppen geriet ins Fahrwasser der NSDAP.
Der HJ war es in der Zeit vor 1933 nicht gelungen in das Rekrutierungslager der bündischen und anderer Jugendgruppen einzudringen. Schüler weiterführender Schulen und junge Intellektuelle mieden die HJ und blieben in ihren angestammten Organisationen.
Einige dieser Organisationen schlossen sich 1933 im sogenannten "Großdeutschen Bund" zum Bündnis gegen die HJ zusammen.

einige Verbände vor der Machtergreifung:

Deutsche Freischar: 12.000 Mitglieder
Deutscher Pfadfinderverband ( mit 7 Pfadfinderbünden): 20.000 Mitglieder
ev. Pfadfindergruppen: 10.000 Mitglieder
DPSG: 3.000 Mitglieder
Gruppen der Bündischen Jugend: 50.000 Mitglieder

1933 schließen sich verschiedene Pfadfinderbünde zum "Großdeutschen Bund" (Deutsche Freischar, DPB, Ringgemeinschaft deutscher Pfadfinder,...) zusammen um einem Verbot durch das NS-Regime zu entgehen. Die HJ besetzt in Berlin mit Waffengewalt die Geschäftsstelle des Reichsausschusses der deutschen Jugendbewegung. Baldur von Schirach übernahm den Vorsitz. Auch das Jugendherbergswerk wird von der HJ übernommen. Damit wurde die Phase der Gleichschaltung bzw- der Ausschaltung der konkurrierenden Jugendorganisationen eingeleitet.

Pfingsten 1933 nehmen 10.000 Jugendliche am Bundeslager des Großdeutschen Bundes teil, an dem sich auch eine neue Führungsspitze bildet. Das Lager wird kurzfristig wegen "zunehmender Beunruhigung der Bevölkerung" verboten und unter anderem durch die HJ gewaltsam aufgelöst.

Mit der Verordnung vom 21.06.1933, der ersten Amtshandlung des neuen Reichsjugendführers, wurde der Großdeutsche Bund rückwirkend vom 17.06.1933 aufgelöst.
In den Folgejahren können sich noch einige Bünde über Wasser halten, bis 1937 endgültig sämtliche Jugendgruppen verboten und aufgelöst sind. Die politischen und an Parteien gebundenen Jugendverbände wurden zusammen mit diesen Verboten aufgelöst (Sozialistische Arbeiterjugend; Kommunistischer Jugendverband), lösten sich selbst auf (Kreuzfahrer; Bibelkreise) oder gingen komplett bzw. nach Empfehlung ihrer Leiter in der HJ auf (Bismarck-, Hindenburg-, und Stahlhelmjugend). 

Die Pfadfinderbewegung wurde auch durch die gewalttätige Gleichschaltung nicht vernichtet, sondern überlebt das 3. Reich im Untergrund.

 

Gleichschaltung

Gleichschaltung: Ausrichtung aller staatlichen Organe des Reiches und der Länder, der politisch-gesellschaftlichen Organisationen und Institutionen auf die nationalsozialistische Reichsregierung und ihre Ideologie.

Hier einige Beispiele der Mittel der Gleichschaltung in der Jugendarbeit:

  • Eingliederungen in die HJ
  • willkürliche Verbote
  • Gesetze (Doppelmitgliedschaftsverbot, alle zur HJ,...)
  • Schutzhaft: beliebtes Mittel um ungern gesehene Personen für einige Zeit aus dem Verkehr zu ziehen
  • Übergriffe durch SA und SS
  • Liquidierung von Personen
  • Verbot von Pressefreiheit (Vereinszeitschriften)
  • Versammlungsverbote
  • Verbot von spezifischen Mitteln der Jugendbewegung (Lagerfeuer, Fahrten und Lager, Kluft,...)
  • Einschüchterung
  • öffentliche Ächtung

 

Christliche Pfadfinder

Durch das Konkordat, das der Vatikan unterschrieb, wurden direkt der Kirche untergestellte Gruppen geschützt. Das traf natürlich auch auf die DPSG zu, die dadurch zu neuer Bedeutung fand. Sie wurde sozusagen zum Sammelbecken für viele von Auflösungen betroffene Pfadfinder. Neben der DPSG gab es nur noch die Älterenschaft der CPD in dieser Zeit.
Die DPSG war vom NS-Regime noch bis 1937 geduldet. Seit dieser Zeit sind christliche Pfadfinder in Deutschland die von den Mitgliederzahlen her bestimmende Kraft im deutschen Pfadfindertum.

 

Verhaftungen, Verurteilungen, Widerstand

Die Pfadfinder- und Jugendbewegung stand teilweise dem Widerstand sehr nahe. So blieben auch Beschlagnahmungen von pfadfinderischem Schrifttum, Verhaftungen und Verhöre nicht aus.

Bekannte Opfer des NS-Regimes sind z.B.:

  • Brüder Stauffenberg, ehem. bei den Neupfadfindern, hatten eine starke Bindung zur Jugendbewegung - zum Tode verurteilt
  • Fr. Klausing, Adjudant Stauffenbergs, ehem. CPD - zum Tode verurteilt
  • Geschwister Scholl waren in der Jungenschaft aktiv - zum Tode verurteilt

Führer der verschiedensten Bünde wurden verhaftet. (Alexander Lion, Ebbo Plewe,...) Die Verfolgung traf auch jene, die aus pfadfinderischer Überzeugung gehandelt handelten und im Untergrund weiterhin Pfadfinderarbeit betrieben. Viele kamen ins KZ.

 

Literatur

  • Hinkel, Paul-Thomas. Die Pfadfinderverbände in der Bundesrepublik Deutschland. Hg. Klaus Hinkel. Baunach: Deutscher Spurbuchverlag, 1990
  • Raasch, Rudolf. Deutsche Jugendbewegung und deutsche Gegenwart. Hg. Deutsches Institut für internationale Pädagogische Forschung. Frankfurt A.M.: 1984
  • DPB-Mosaik. Wo kommen wir eigentlich her... Hg. Deutscher Pfadfinderbund Mosaik.Köln: 1996
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